Schwyz–Muotatal (Stalden)
Wir stehen nachmittags um 1 Uhr auf dem Bahnhof von Schwyz, warten auf den Bus nach Schwyz Post und erinnern uns an unsere erste veritable Passfahrt mit dem Velo in der Schweiz. Sie führte von Schwyz nach Glarus über den Pragelpass, heute Teil der 83 Suworow-Route von Veloland. Sie ist uns mit ihren Steigungen um die 18% und der wilden Landschaft heute noch in lebhafter bis schmerzhafter Erinnerung. Nun wollen wir nochmals über den Pragelpass, allerdings zu Fuss, auf dem 29 Pragelpass-Weg von Wanderland.
Bei der Post, dem Zentrum von Schwyz finden wir in der Konditorei Haug vier Meitschibei, gutes Brot (es ist nach drei Tagen im Rucksack noch gut, Gratulation) und in der Metzgerei Dusser Schwyzer Schafwürste. Für das gepflegte Picknick ist damit gesorgt und wir ziehen los.
Schon nach wenigen Metern sind wir auf dem Land. Es ist die Zeit der Obsternte. Die Bäume tragen schwer und das Rot der Äpfel tüpfelt das Nebelgrau unseres Mittwochs. Die heutige erste Etappe führt ins Muotathal an den Fuss des Pragelpasses. Sie ist einfach und kommt uns zum Auftakt gerade recht. Wir erreichen bald die Muota, die uns bis nach Stalden begleiten wird. Ihr sind im Winter 1799 bereits die 20'000 Mann des russischen General Suworow gefolgt, die erfrierend noch ausgiebig Leute erschlagen haben. Dieser heroischen Tat sind heute noch Gedenktafeln mit überraschend neutraler Inschrift gewidmet. Eine prangt an der Suworow-Brücke, einer schönen Holzbrücke, die hoch über der Muota tront. Nach einem langen Blick in ihre Vallotton-günen Wasser und geschliffenen Gletschermühlen und wenigen Schritten stehen wir vor der Stoss-Standseilbahn. Vielleicht würden die 700 Meter für einen Blick in die Sonne über dem Nebelmeer reichen.
Wir lassen uns indes nicht verlocken, nehmen uns dafür Zeit, um den Witz-Weg zu goutieren, der entlang des Pragelpass-Wegs eingerichtet wurde. Auf allerlei absonderlichen Baumstrünken sind Tafeln mit Witzen aus dem Muotathal angebracht. Wir geraten bei vielen Witzen in Streit über ihre Auslegung. Als die Witze und wir immer müder werden, sehen wir uns zu mehr Wanderdisziplin genötigt, wollen wir doch vor Einbruch der Dunkelheit unser Hotel Alpenblick in Stalden erreichen. Dafür müssen wir noch zwei aus Bahnschienen konstruierte längere Brücken passieren, die bei meinen 120 kg Lebendgewicht ordentlich in Schwingung geraten (sehr zur Freude meiner Frau). In Muotathal beobachten uns zwei Mädchen beim Suchen des Wegs nach Stalden. Gar nid schüüch stehen sie uns bei und weisen uns den Weg: Die übernächste Gwagglibrücke über die Muota ...
Im Bödmerenwald
Nachdem wir gestern unser Hotel gefunden und zum Znacht «Hafenkabis», eine lokale Spezialität aus Kabis, Schweine-, Schaffleisch und Kartoffeln kosten durften, wollen wir heute den Urwald vor dem Pragelpass, den Bödmerenwald erkunden. Dafür setzen wir unsere Wanderung über den Pragelpass einen Tag aus. Eigentlich haben wir auf gutes Wetter gehofft, aber der dicke Nebel hockt unverdrossen im Tal. So erwartet uns eher ein kaltes und nasses Erlebnis. Steil kraxeln wir die 900 Meter hinauf in den Urwald und betreten ihn an einem Ort mit dem sinnigen Flurnamen Plätsch.
Innen und aussen nass sind wir besonders empfänglich für die mystische Nebligkeit und ihr wabrigen Illusionen. So sehen wir schon bald in den gestürzten Fichten und triefenden Farnen Bären huschen. Wenigstens einer ihrer Schädel wurde denn auch im Höllloch gefunden, mit 195 km dem längsten Höhlennetz Europas, das irgendwo tief unter uns das Karstgebirge der Silberen löchert.
Inzwischen sitzen wir klamm neben dem Miststock auf einem Bänkli vor einer Alphütte und kauen an unseren Schafwürsten und Meitschibeis. Keine Fliege zeigt sich. Es ist im Nebel still. Ganz still.
Aber kalt. Wir brechen auf, wollen für den Abstieg zurück nach Stalden die Pragelpass-Strasse nehmen, um den glitschigen Wanderweg zu meiden. Auch auf der Strasse ist für Unterhaltung gesorgt. Den auf der Infotafel zum Bödmerenwald abgebildeten Marder sehen wir kurz darauf überfahren am Strassenrand kleben, dafür erleben wir den wildesten Bagger der Alpen lebend und in freier Wildbahn, den Menzi Muck. Ein technisch raffiniertes Tier, das sich in allen Arbeitslagen an den Berg klammert. Gesprengt wird auch. Töffs jagen sich. Action im Schwyzerland.
Wieder unten in Stalden, beim Eingang des Hölllochs freuen wir uns über eine Gruppe gequält lächelnder Herren in Höhlenkluft, die behelmt und mit adretten Stirnleuchten ausgestattet auf eine Teambuilding-Expedition ins Höllloch wartet. Wir bevorzugen jedoch den Aufenthalt im Gasthaus Höllloch. Auch hier gibt es Tropfsteine, zwar aus Plastik, dafür aber zu Deckenleuchten aufgerüstet. Für Stimmung ist also gesorgt, auch dank Blubber-Regal und Nutbush City Limits.
Muotatal (Stalden)–Pragelpass–Richisau
Zwei Geissen, ein Appenzeller und ein Schwyzer wollen die beiden Wanderer des Weges genau anschauen, letzterer sogar mit dem Feldstecher. Erst als wir schon fast vor ihm stehen, setzt er das Fernglas ab. Da sind die Geissen ungenierter, sie lassen uns gar nicht mehr aus den Augen. So können wir den ersten Teil des Aufstiegs nur kontrolliert geniessen. Er ist aber trotzdem denkwürdig, führt er doch über den sogenannten Staldenweg, einem sehr alten Weg, der auch im Inventar der Historischen Verkehrswege der Schweiz geführt wird. Er wurde für den Viehtrieb genutzt und ist so angelegt, dass das liebe Vieh nicht von den angrenzenden fremden Weiden fressen konnte.
Wir vergreifen uns ebenfalls nicht am fremden Geisseneigentum und streben den imposanten Gröllhalden entgegen, die wir bereits Gestern beim Abstieg vom Bödmerenwald kritisch beäugt hatten. Es war und ist uns überhaupt nicht klar, wie der Weg in dieser krassen Mondlandschaft angelegt sein wird.

